Wappen des Hauses Aad FockAad FockChronik eines Ehrennamens aus Fockbek

Fockbeker Blätter · Heft 1 · Fockbek, Herbst 1666

Der Aal, der seine Hinrichtung überlebte

Es war der Herbst des Jahres 1666, und die Eider führte Hochwasser. Drei Tage lang hatte der Wind aus Westen gestanden, und am dritten Tag drückte er die Flut so weit den Fluss hinauf, dass an der Grönsfurt das Wasser über die Weiden lief. Wer an diesem Abend noch draußen war, hatte einen Grund dafür oder keinen Verstand.

Adriaan Focke hatte einen Grund. Er war Aalhändler aus Friedrichstadt, dreißig Jahre alt, Sohn holländischer Eltern, und er wollte am Morgen mit vollen Körben auf dem Rendsburger Markt stehen. Dafür musste er die Nacht über stromaufwärts, und dafür brauchte er Wind. Den Wind bekam er. Kurz vor der Furt riss das Großsegel aus dem Liek, und was blieb, war die Fock, das kleine dreieckige Vorsegel, das man setzt, wenn man sonst nichts mehr hat. Mit der Fock allein hielt er das Boot gerade noch quer zur Strömung, bis es mit einem Ruck auf der Furt aufsetzte und liegen blieb.

Die Fockbeker holten ihn ans Ufer. Sie hatten das Boot von der Kate des Bauern Ohm aus gesehen und waren mit Stangen und einem Tau hinuntergelaufen, denn ein Boot auf der Furt bedeutet Fracht, und Fracht bedeutet Streit darüber, wem sie gehört, und Streit macht die Fockbeker seit jeher gesprächig. Adriaan bekam einen Platz am Ofen, eine Decke und Grütze. Die Aale bekam niemand. Sie waren mit dem Großsegel gegangen.

Am Morgen erfuhr er, was das Dorf umtrieb, und es war nicht sein Boot.

Im Jahr zuvor hatten die Fockbeker beschlossen, Heringe in ihrem See zu züchten. Man hatte auf dem Rendsburger Markt gesalzene Heringe gekauft, drei Fässer, und sie in den See geschüttet, und man hatte gewartet. Vor einer Woche hatte man das Wasser abgelassen, um zu ernten. Heringe hatte man keine gefunden. Gefunden hatte man einen Aal, der sich im Schlamm wand, dick und schwarz und offensichtlich satt. Damit war der Fall klar. Der Aal hatte die Heringe gefressen, und der Aal sollte dafür sterben. Über das Wie hatte man drei Abende beraten, bis Hinnerk Ohm, der als Kind einmal beinahe in der Eider ertrunken war und es nie vergessen hatte, die schlimmste Strafe wusste, die er kannte. Man würde den Aal ersäufen. Heute Mittag, an der tiefsten Stelle, denn der See war wieder voll.

Adriaan sagte dazu nichts. Er war Gast, er war Aalhändler, und er hatte in seinem Leben mehr Aale gesehen als alle Fockbeker zusammen. Er ging mit hinauf zum See.

Der Aal lag in einem Eimer, und das ganze Dorf stand am Ufer. Der alte Ohm hielt eine Ansprache über Diebstahl und Undank, die länger war als nötig, dann trug man den Eimer auf dem Kahn hinaus bis zur Mitte, wo der Grund am tiefsten war, und Hinnerk kippte ihn aus. Der Aal fiel ins Wasser, wand sich, drehte sich einmal um sich selbst, und vom Ufer rief jemand: „Kiek, wo he liedt!“ Seht, wie er leidet. Dann streckte sich der Aal, glitt unter die Oberfläche und war weg.

Es wurde sehr still am Fockbeker See. Die Fockbeker sahen auf das Wasser, dann sahen sie einander an, und dann sahen sie zu dem Fremden hinüber, der Aalhändler war und es hätte wissen müssen. Was in diesem Augenblick geschah, hat die Familie dreihundert Jahre lang erzählt, und es ist der Grund, warum es sie gibt.

Adriaan lachte. Aber er lachte nicht so, wie die Rendsburger später lachten. Er lachte, wie man lacht, wenn einem etwas Großes und Einfaches aufgeht, und er sagte, laut genug für alle: „De Aal swemmt wieder.“ Der Aal schwimmt weiter. Und dann, weil sie ihn ansahen, erklärte er es. Die Heringe seien gesalzen gewesen. Gesalzene Heringe leben nicht, sie haben nie gelebt, seit sie im Fass lagen, man könne sie in jeden See der Welt schütten. Der Aal habe sie nicht gefressen. Der Aal sei der Einzige in dieser ganzen Geschichte, der lebendig hineingegangen und lebendig herausgekommen sei, und dafür habe man ihn ersäufen wollen, und er sei trotzdem weitergeschwommen. Und wenn das nicht ein gutes Zeichen sei, dann wisse er nicht, was.

Hinnerk Ohm lachte als Erster. Dann lachten die anderen. Es war das Lachen von Leuten, die gerade noch Angst gehabt hatten, sich vor sich selbst zu schämen, und denen jemand gezeigt hatte, dass man auch einfach über die Sache lachen kann. Der Satz blieb im Dorf. Er ist noch da.

Am nächsten Morgen war Adriaan vor Tag am See. Er hatte in der Nacht aus Weidenruten eine Reuse geflochten, wie man sie an der Eider flicht, und er hatte sie an der Stelle ausgelegt, wo ein Aal nach einem solchen Tag hingehen würde, nämlich ins Schilf, wo es warm ist. Der Aal war drin. Adriaan lieh sich den Kahn des Bauern Ohm, fuhr die Eider hinunter nach Rendsburg und stand mit einem einzigen Aal auf dem Markt.

Er verkaufte ihn nicht als Aal. Er verkaufte ihn als den Aal, der seine Hinrichtung überlebt hatte, mit der ganzen Geschichte dazu, und er verkaufte ihn an die Frau eines Ratsherrn, die am Sonntag eine Hochzeit auszurichten hatte und ein gutes Zeichen brauchte. Sie zahlte das Zehnfache. Adriaan kaufte davon zwei Fässer Heringe, echte, zum Essen, und ein neues Großsegel, und er fuhr zurück nach Fockbek, und die Fockbeker aßen an diesem Abend Hering, so viel sie wollten.

Die Rendsburger Kaufleute hatten die Geschichte inzwischen auch gehört, nur ohne das Ende. Sie nannten die Fockbeker von da an die Aalversuper, die Aalersäufer, und sie lachten, wie man über andere lacht, und sie lachten lange. Jeder, der es mit dem Dorf hielt, bekam etwas davon ab. Adriaan hätte gehen können. Sein Boot war geflickt, sein Segel war neu, und die Eider führt in beide Richtungen. Er blieb. Er heiratete im Frühjahr Trien Ohm, die Tochter des Bauern, und er baute in Fockbek einen Aalhandel auf, der bald bis Kiel lieferte, und wenn ihn in Rendsburg einer Aalversuper nannte, dann sagte er: „Jo. De Aal swemmt wieder.“

Im Frühjahr 1667, an dem Tag, an dem die Bauerschaft nach dem Winter zusammenkam, gab man ihm den Namen. Man hatte darüber geredet, wie die Fockbeker über alles reden, und man war sich einig, dass ein Mann, der mit nichts als der Fock gekommen war und mit allem geblieben, einen Namen dafür haben sollte. Adriaan hieß im Dorf ohnehin schon Aad, weil die Fockbeker alles kürzen, und die Fock hatte jeder gesehen. Also hieß er von da an Aad Fock, de Aadfock, und die Bauerschaft beschloss, dass der Name bei ihm bleiben sollte und bei seinen Kindern, unter einer Bedingung: dass jeder, der ihn trägt, die drei Dinge tut, die Adriaan getan hat. Zuerst anfangen. Zuerst über sich lachen. Und bleiben.

Nach den Fockbeker Blättern, Heft 1. Grete Aad Fock hat die Geschichte so aufgeschrieben, wie ihr Großvater Peter sie erzählte, und Peter hatte sie von seinem Vater Claus. Was davon 1666 genau so geschehen ist, weiß niemand. Dass der Aal davonschwamm, steht im Wappen der Gemeinde Fockbek.

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