Fockbeker Blätter · Heft 1 · Rendsburg, 1668
Das Segel aus Rendsburg
In Rendsburg erkannte man Aad Fock damals schon an den Aalfässern. Im Jahr 1668 brachte er seine Ware von Fockbek über die Eider zum Markt. Das Boot, mit dem er gekommen war, reichte für den wachsenden Handel kaum noch aus. Für weitere Fahrten brauchte er ein größeres. Dazu gehörte ein Segel, das mehr Tuch, mehr Arbeit und mehr Geld verlangte, als er an diesem Markttag besaß.
Ein Segelmacher am Hafen hatte das passende Tuch und kannte sein Handwerk. Aad Fock legte ihm dar, was er brauchte. Er sprach vom breiteren Boot, von den Fässern und von den Wegen, die er damit fahren wollte. Rendsburg sollte nicht der letzte Markt bleiben. Wenn die Ware gut und die Fahrt sicher war, konnte der Handel bis Kiel reichen.
Der Segelmacher hörte zu, strich mit der Hand über das feste Tuch und nannte seinen Preis. Aad Fock sagte offen, dass sein Geld dafür noch nicht genüge. Er bat nicht um einen Nachlass. Er wollte das Segel jetzt erhalten und es aus den Erträgen der kommenden Fahrten bezahlen.
Da legte der Mann die Hand vom Tuch. Die Geschichte vom Aalgericht am Fockbeker See war längst bis nach Rendsburg gekommen. Auf dem Markt rief man den Leuten aus dem Dorf „Aalversuper“ nach. Die hochdeutsche Lesart lautet: „Aalersäufer.“ Auch Aad Fock hatte den Spott gehört und war dennoch in Fockbek geblieben. Der Segelmacher fragte: „Soll ich wirklich einem Aalversuper ein Segel auf Kredit geben?“
Aad Fock sah auf seine Fässer. Dann sagte er, dass ein Mann, der einem Aal das Ertrinken zutraue, vielleicht auch an einen Kredit ohne Geld glauben dürfe. Er lachte zuerst über die Lage, in die ihn sein eigener Plan gebracht hatte. Der Segelmacher verzog den Mund, doch er blieb beim Nein. Tuch könne man nicht von einer Hoffnung kaufen, sagte er. Auch seine Arbeit werde nicht von einem guten Vorsatz bezahlt.
Aad Fock ging nicht fort. Während am Ufer Waren getragen und Taue gelöst wurden, blieb er neben dem Tuch stehen. Er fragte den Segelmacher, was in dessen Haus regelmäßig gebraucht werde. Der Mann nannte Holz, Brot und manches andere, das mit einem Segel wenig zu tun hatte. Aus dem hinteren Teil der Werkstatt meldete sich seine Frau. Sie sagte, dass guter Aal in diesem Haus nicht lange liegen bleibe.
Damit hatte Aad Fock etwas, das er anbieten konnte. Er schlug keine einzelne Mahlzeit vor. Über ein Jahr sollte der Segelmacher bei jeder vereinbarten Lieferung frische Aale aus Fockbek erhalten. Das Segel aber sollte jetzt zugeschnitten und genäht werden. So bekäme der Handwerker seinen Preis nicht in Münzen, sondern in Ware, die in seinem Haus willkommen war.
Der Segelmacher fragte, wie er sicher sein könne, dass Aad Fock nach der ersten Fahrt wiederkomme. Aad Fock antwortete, ein Segel trage ein Boot nicht nur vom Ufer fort. Es bringe dasselbe Boot auch zurück, wenn der Schiffer sein Geschäft verstehe. Außerdem könne der Mann jeden Markttag sehen, ob die Fässer aus Fockbek einträfen. Blieben sie aus, würde ganz Rendsburg erfahren, dass Aad Fock sein Wort nicht gehalten habe. Der Spott, den man ihm ohnehin nachrief, würde dann zu Recht gesprochen.
Die Frau des Segelmachers trat zu den beiden. Sie prüfte einen Aal aus der mitgebrachten Ware und sagte ihrem Mann, das Tuch liege schon lange genug auf seinem Platz. Ein Segel daraus bringe Arbeit. Ein Aal auf dem Tisch bringe wenigstens ein Abendessen. Der Segelmacher lachte. Dann fragte er nach der Dauer der Lieferungen und danach, wie die Ware übergeben werden solle.
Sie verhandelten ohne Eile. Aad Fock versprach nicht mehr, als sein Handel tragen konnte. Der Segelmacher verlangte nicht mehr, als das Segel wert war. Am Ende galt ein Handschlag. Das Tuch und die Arbeit wurden mit Aalen im Voraus bezahlt, nicht auf einmal, sondern in festen Lieferungen über das vereinbarte Jahr. Das Segel sollte zuerst fertig sein, damit das größere Boot fahren konnte.
Von da an arbeitete der Segelmacher an dem Auftrag, während Aad Fock seine nächste Fahrt vorbereitete. Das Tuch wurde ausgebreitet, zugeschnitten und unter kräftigen Stichen zusammengefügt. Aad Fock maß am Boot nach, trug Beschläge heran und prüfte die Leinen. Wo etwas fehlte, wartete er nicht auf einen Helfer, der vielleicht kommen würde. Er begann selbst und ließ sich zeigen, was er nicht wusste.
Als das Segel angeschlagen wurde, stand der Segelmacher am Ufer. Seine Frau nahm die erste Lieferung Aal entgegen. Der Wind füllte das neue Tuch gleichmäßig. Das größere Boot löste sich vom Ufer und gewann auf der Eider Raum. Es trug mehr Fässer, als Aad Fock zuvor hatte befördern können, und gab ihm die Möglichkeit, neben Rendsburg auch den Weg des Handels bis Kiel auszubauen.
Aad Fock kam wieder. Er kam nicht nur, solange das Wetter freundlich war, und nicht nur, wenn der Markt einen guten Preis versprach. Die vereinbarten Aale erreichten die Werkstatt, bis das Jahr erfüllt war. Der Segelmacher erhielt seine Bezahlung, seine Frau den geschätzten Fisch und Aad Fock ein Segel, das seinen Handel vergrößerte.
Aus dem Handschlag wurde der erste feste Lieferkontrakt des Hauses Aad Fock. Er war nicht aus einem vollen Geldbeutel entstanden. Am Anfang standen ein zu kleines Boot, ein verweigerter Kredit und ein Mann, der nach dem Nein nicht auf den nächsten Markttag wartete. Er sah an, was vorhanden war, und machte daraus den Anfang der nächsten Fahrt.
Nach den Fockbeker Blättern, Heft 1. Grete schrieb auf, was in der Familie erzählt wurde.